Drei Schalen

Das Muscheltier, ein scheinbar amorpher Schleim, sekretiert Eiweiße durch Löcher in seinem Mantel. Im Meerwasser enthaltene Kalziumteilchen lagern sich an und formen die Muschelschale. Langsam aber stetig wächst sie. Wer/was ist die Muschel? Der Mollusk oder seine Schale? Ist die Schale, mit der wir vielleicht die Muschel identifizieren, selber belebt, oder ist sie vielmehr ein Teil des Meeres? Nach dem Tod des Mollusken wohnt in ihr vielleicht ein Einsiedlerkrebs oder eine Koralle. Oder wir finden sie am Strand und ritzen eine Zeichnung ein.

Die älteste bekannte Zeichnung, gefunden auf Java, 500.000 Jahre alt.

Die älteste bekannte Zeichnung, gefunden auf Java, 500.000 Jahre alt.

Die zweite Schale ist viel jünger. Sie wurde 1963-65 von Louis Pouzin erfunden und von Glenda Schroeder umgesetzt: Die SHELL, die erste Benutzeroberfläche. Bis dahin war das Ziel der Informatikerïnnen, zwischen Computer und User zu vermitteln: Leistungsfähige Elektronik und mächtige Programmiersprachen machten den Computer als Werkzeug effektiv. Pouzin beginnt dagegen seinen Aufsatz über die SHELL mit einer Schilderung der Frustration, die beim Bedienen eines Computers entsteht. Wenn ich mich einmal vertippe, geht meine ganze Arbeit zunichte. Und wie kann ich dann herausfinden, was falsch lief? Bei diesen Emotionen setzt er an. Die SHELL ist ein Computerprogramm, das eine neue sprachliche Ebene baut, die weder den Computer abbildet noch die Intention des Users. Sie vermittelt nicht zwischen Mensch und Maschine sondern zwischen Begriff und Begriff. Sie ist horizontal in alle Richtungen erweiterbar durch Skripte und Querverbindungen. Auf ihr erkundet der User den Raum der Möglichkeiten, intra-aktiv im Sinne von Karen Barad. Beispielsweise fragt sich Pouzins User: Was kann ich mit einem Computer anstellen, wenn ich nicht genau weiß, was ich machen möchte? Die SHELL ist dabei nicht einfach ein Katalog von Programmen sondern ein Dialograum, in dem der/die User sich nach und nach selber Interaktionsmöglichkeiten (”shell scripts”) schreibt oder zusammensammelt.

Heute interessiert niemanden mehr, wie ein Computer “eigentlich” funktioniert (wozu auch?) Die soziale Verortung der Leute, die Gestaltung des “öffentlichen” Raums (und überhaupt jede Gestaltungsarbeit) finden heute auf grafischen und textbasierten Benutzeroberflächen (Shells) statt. Für viele Leute aus den USA waren Chatrooms übrigens die ersten Orte, wo sie ihr Geschlecht spontan wählen konnten (und viele wechselten es mit Vergnügen, ganz unabhängig von politischer Couleur). Memes erweitern seit einigen Jahren den Raum der bedeutungstragenden Bilder und Worte, ähnlich wie im gedruckten Buch ein Übergang von Allegorie über Metapher zu Symbol stattfand. Vielleicht ist Pouzins Ansatz nicht mehr paradigmatisch; heute überwiegen auf den Oberflächen die Dark Patterns (Instagram, Facebook, Amazon), die manipulieren statt Bewegungsfreiheit zu geben. Aber daneben ist das Internet doch (noch) eine Shell im emphatischen Sinne: ein Bereich in der unüberbrückbaren Kluft zwischen Mensch und Maschinerie (beider Natur ist ihm völlig egal), ein weltweiter, grenzenloser Raum für Leute, die sich nicht beherrschen (lassen) wollen.

Auf dem Internet ist mein Körper austauschbar. Der Cartoon ist 31 Jahre alt. Ich war damals noch sehr jung.

Auf dem Internet ist mein Körper austauschbar. Der Cartoon ist 31 Jahre alt. Ich war damals noch sehr jung.

Die dritte Schale ist Motoko Kusanagis synthetischer Körper. Als Computerprogramm oder ”Ghost” lebt sie im Internet und bewohnt zugleich einen humanoiden Körper, “Shell”. Der ganze Film ist eine Meditation über ihre Körperwerdung. Sie erlebt ihre Periode (ihr Ghost ist ein Frauenkörper), sie taucht tief im Ozean, um den Druck des Wassers zu spüren. In der zentralen Sequenz wandert sie wortlos durch die große Stadt, sieht sich im Spiegel, spürt den Regen. Am Ende wird ihre Shell zerstört und ihr Ghost wandert in einen Kindskörper. Ihrë Antagonistïn heißt Puppetmaster, ein Computervirus, das sich in viele Körper einnistet, um den Geist vom Körper zu emanzipieren, ein wahnwitziges Vorhaben, das Kusanagi fasziniert.

Der Film setzt sich mit dem Körper auseinander: als Oberfläche, als austauschbare Hülle ohne eigene Tiefe oder Essenz. Trans ist zunächst einfach eine Möglichkeit. Wenn Gender in Körper eingeschrieben ist, und Körper selber beginnen, Gender zu bedeuten, dann hebt das allerdings nicht die vorsprachliche Gegebenheit des Physischen auf; der Raum eines kollektiven Konzepts wie Gender bildet sich überhaupt erst durch Anlagerungen materieller Erfahrungen, die somit seine Topologie bilden; Erfahrung und Vorstellung konstituieren sich gegenseitig qua ihrer Situiertheit. So gelten die affirmativen Momente des Films sowohl in der Körperwerdung Kusanagis als auch in ihrem Körperwechsel ihrer Bewegungsfreiheit (agency) im Physischen, in der regnerischen Stadt. Die Autonomie des Geists, Trope des Todeskults (Trans)humanismus, ist dagegen im Film eine Finte. Ein Körper ist hier nicht Ballast und Begrenzung sondern Schnittstelle im Netz der kollektiven Vorstellung, unendlich erweiterbarer Raum für (und durch) Erfahrung, und der Geist, ob im Nervensystem, im Metaverse oder im Internet verortet, nicht Ausgangs- oder Endpunkt, nicht an oder für sich, als reine Information überhaupt nicht selber etwas Anschauliches sondern immer schon “in the Shell”.

Click here: https://www.are.na/block/11168290

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Schale als Figur

Drei Schalen zwischen Innen und Außen, die nicht vermitteln und doch ermöglichen. Synthetisch und dennoch unbeherrschbar; physisch (und außer ihnen ist im Moment der Begegnung nichts physisch), obwohl sie doch immer “dazwischen” sind. Schalen, an denen wir ein Inneres ablesen, ohne dass dieses Innere “an sich” existieren muss. Und die sich nicht auf dieses Innere beschränken; sie machen es vielmehr räumlich und zeitlich grenzenlos, obwohl sie selber unbeständig und austauschbar sind. Drei Schalen, die von uns beständig beschrieben werden; sie sind zugleich die Schalen, auf denen wir einander schreiben und einander begegnen. Auf denen wir, mangels Unten und oben, uns lateral bewegen. Auf Schalen ist Kreativität kein Erfinden sondern ein Anlagern, eine Antreffen.

Die Shell ist inspiriert vom Cyberfeminismus der 90er. Hier eine Skizze der Matrix von Zoe Sofia, die heute als Professorin für Wasserbau und Containertechnologie in Düsseldorf oder Duisburg lehrt. [PDF hier]

Die Shell ist inspiriert vom Cyberfeminismus der 90er. Hier eine Skizze der Matrix von Zoe Sofia, die heute als Professorin für Wasserbau und Containertechnologie in Düsseldorf oder Duisburg lehrt. [PDF hier]

Mich lädt die Figur der Schale zum lateralen Denken und Spinnen abseits eintönigerer Figuren wie Moral, System, Medium, Weltbild, Körperganzes ein. Dieses Spinnen löst dann meinen Körper von willkürlichen Einschreibungen (zumindest werde ich der Möglichkeit bewusst, andere Körper zu praktizieren) — Einschreibungen übrigens, die selber in/auf Schalen sind. Der Körper ist nicht mehr nur von Machtbeziehungen oder Dogmen determiniert sondern entsteht auch potenziell in jedem Moment neu und anders. Im emphatischen Sinne besteht er nicht aus Chromosomen oder Atomen sondern ist, als Gegenstand und Gefäß einer Auseinandersetzung, Konstellation auf vielfach gefalteten und bewegten Schalenoberflächen. Qua ihres Vorstellungsvermögens bringen die Körper die Schalenwelten hervor und bewegen sich dann auf ihnen. Ihr Umfang entspricht der kollektiv mitgeteilten oder ausprobierten Fantasie. Indem auf den Windungen und Rastern der totalen Schale wiederum die Körper sich und ihre Potenziale konstituieren, erscheint jene verzögerte Rekursion, die etwa (Benutzer)oberflächen wesentlich ausmacht.

An der Figur der Schale mag ich, dass sie, indem sie die Bedingung der Vorstellung verkörpert, auch latente Körper anzeigt: mysteriöse, monströse, negative, undenkbare, abwegige, halbe, vielfache, zu-offensichtliche, zu-viele, scheinbare, verschwundene Körper. Und die Möglichkeit, sich um, in und über diese Körper auszutauschen.